Aus PEGASUS Pferdemagazin August 2003, CH-9403 Goldach, www.pegasus-pferdemagazin.com

Zwischen Software,
Server und Sattel

Zu Besuch bei den Betreibern des Internetforums „Die Koppel“


Text: Gisela Rau
Fotos: Lothar Lenz, www.pferdefotoarchiv.de


Im wirklichen Leben grasen auf der Koppel von Andrea Dreßen und Rudi Swatoch zwei Camargueschimmel und eine Trakehnerstute. Ihre virtuelle Koppel ist heute mit fast 2 Millionen Zugriffen pro Monat das gefragteste Internetforum rund ums Pferd, das sich zu einer echten Informationsdrehscheibe entwickelt hat. Wir wollten wissen, welche Menschen und Ideen hinter einem solchen Großprojekt stehen und haben die beiden auf ihrem Hof in der Nordeifel besucht.

Bild 1

Als Andrea und Rudi eines schönen Tages im Jahr 1995 zwei ihrer Pferde von der außerhalb gelegenen Weide holen wollten, war der Schreck groß: Die Pferde waren weg! Der Zaun war unversehrt, das Weidetor war ganz offensichtlich geöffnet und anders als gewöhnlich wieder geschlossen worden. All das ließ eigentlich nur einen einzigen Schluss zu: Pferdediebe! Die Befürchtungen wuchsen, als die Einwohner von Dedenborn und den benachbarten Orten rund um den Rursee berichteten, dass in der Gegend schon öfter einmal Pferde abhanden gekommen seien und diese meist auf den Schlachtpferdemärkten des nur wenige Kilometer entfernten Belgien landeten. Nach dem ersten lähmenden Schock wurden die beiden aktiv: Rudi, seines Zeichens Softwareentwickler in einem Aachener IT-Unternehmen und Andrea als Webdesignerin  - was lag da näher, als das Medium des gerade erst aufkommenden Internets zu nutzen, um nach den Pferden zu fahnden? Mit wohlwollender Erlaubnis von Rudis Chef wurde kurzum der Firmenserver genutzt, um die in fieberhafter Arbeit erstellte „Pferde-Hotline“ mit Steckbriefen der verschwundenen Pferde ins Internet zu stellen. Kaum war alles online, klärten sich die Dinge nach drei Tagen auf ganz unerwartete Weise: Ein Nachbar hatte berichtet, in der Nähe der Pferdewiese nun schon des öfteren eindeutiges Wiehern aus dem Wald gehört zu haben. Eine indianermäßige Spurensuche ergab, dass beide Pferde ausgebrochen waren und dabei das Kunststück fertiggebracht hatten, den Zaun nicht zu zerstören. Kurz vorher war der Verpächter der Wiese noch auf derselben gewesen, was die Manipulation am Tor erklärte. Die Pferde saßen in einem felsigen Steilhang hoch über dem Fluss Rur fest, in den sie sich auf ihrem Ausflug hineinmanövriert hatten. Die Leitstute hatte sich zudem an einer wilden Mülldeponie eine Schnittwunde am Bein zugezogen und bewegte sich deshalb nicht mehr vom Fleck, die andere blieb natürlich treu daneben stehen. Kurzum: die Pferde waren wieder da und die Erleichterung groß. Aber die Pferde-Hotline im Internet, so meinten die beiden, sollte man doch eigentlich weiter bestehen lassen, vor allem, da innerhalb weniger Tage über E-Mail  zahlreiche Informationen mit Adressen von Händlern, Pferdemärkten und anderen möglichen Anlaufstellen für die Suche eingegangen waren.

VON DER HOTLINE ZUM FORUM

Bild 2 Und da man nun schon einmal die Internetpräsenz mit der Pferde-Hotline hatte, lag der Gedanke nah, das Projekt mit einem Forum zu bereichern, in dem die Besucher sich in Form eines „virtuellen Reiterstübchens“ über Probleme und Fragen rund ums Pferd austauschen konnten. Da es zu dieser Zeit noch nicht wie heute fertige Software für solche Meinungsforen gab, programmierte Rudi selbst und hatte schon bald ein bedienerfreundliches Konzept geschaffen, in dem jeder Teilnehmer ganz einfach selbst eine neue „Box eröffnen“, sprich ein Thema zur Diskussion stellen konnte. Leser dieser Box können ihre Antwort eingeben, per Mausklick abschicken und sie erscheint fast zeitgleich für alle sichtbar auf dem Bildschirm. Um den Stein ins Rollen zu bringen, eröffneten Rudi und Andrea die beiden ersten Boxen selbst – mit den Fragen „Mein Pferd hat brüchige Hufe- was soll ich tun?“ und „Welche Befestigung für den Paddockboden?“. Der Stein rollte – und zwar viel schneller als gedacht: Zählte die „Koppel“, wie das Forum nun einprägsam hieß, im Januar 1996 noch 1179 Zugriffe pro Monat, waren es im April des gleichen Jahres schon 18.96, im Januar 1997 39.567 und im Januar 1999 fast beängstigende 710.692. Wir waren total überrascht,“ erzählt Andrea, „mit diesem Ansturm hätten wir niemals gerechnet! Wir scheinen zu diesem Zeitpunkt mit dem Konzept eine echte Lücke gefüllt zu haben. Und da die Koppel damals das einzige Forum dieser Art war, blieben die Leute der ersten Stunde auch dabei und sorgten für weitere Verbreitung.“

DIE BUNTE WEITE WELT DER PFERDE

Heute gibt es kaum ein Thema rund ums Pferd, das nicht auf der Koppel diskutiert wird – quer über alle Rassen, Reitweisen und Weltanschauungen hinweg. Von drängenden Hilferufen wie „Ammenstute gesucht“ über saisonale Dauerbrenner wie „Welches Fliegenschutzmittel“ bis zu weniger weltbewegenden Fragen wie „Wo gibt es Bandagen mit Kuhmuster?“ reichen täglich die Themen. Um die Zahl der Beiträge überschaubar zu halten, rutschen alle „Boxen“, die eine Zeitlang inaktiv waren, automatisch ins so genannte Archiv. Dieses ist inzwischen zu einer wahren Fundgrube an Informationen angewachsen, die auch mehrere Redaktionen großer Pferdezeitschriften zur Recherche nutzen. „Eine hat sogar mal wörtlich abgeschrieben,“ schmunzelt Andrea, „mitsamt den Tippfehlern!“ Um im Archiv mit Schlagwortsuche stöbern und die Beiträge einsehen zu können, muss man sich als so genanntes „Vollmitglied“ registrieren lassen und einen jährlichen Beitrag entrichten, der je nach Leistungsumfang zwischen elf und fünfundzwanzig Euro beträgt. Kommerziell ist die Koppel dennoch nicht – die Mitgliedsbeiträge und inzwischen auch einige Werbeeinnahmen finanzieren so gerade eben die Unkosten.

Bild 3
Auch die Pferde-Hotline entwickelte  sich parallel zum Forum prächtig: Mit ihrer Hilfe fanden inzwischen schon mehrere gestohlene Pferde den Weg zurück zu ihren Besitzern. Der spektakulärste Fall war wohl der eines im Fahrsport erfolgreichen Haflingergespannes, das nachts von der Weide verschwunden war. Schon nach wenigen Tagen führte ein Tipp aus der Hotline zum Erfolg: Beide Pferde wurden auf einem belgischen Pferdemarkt bei Brüssel wiedergefunden, die Eisen bereits zum Schlachten abgerissen, die Schweife abgeschnitten und die Mähnen rasiert. Rettung in letzter Minute! Der Fall sorgte damals auch in der regionalen und überregionalen Presse für Wirbel, sogar ein Fernsehteam von RTL rückte in der Folge auf dem idyllischen Fachwerkhof der „Koppler“ ein. Auch ein gescheckter Isländer wurde aufgrund eines auf der Euro-Cheval ausgehängten Hotline-Steckbriefes identifiziert und ein Friese fand nach sieben Monaten des Suchens zurück zu seiner Besitzerin – nur zwei von vielen Erfolgsmeldungen der Pferde-Hotline. Heute gibt es gleich mehrere Anbieter, die Steckbriefe gestohlener Pferde ins Internet stellen. „Einerseits ja schön, dass sich die Leute engagieren“ meint Rudi, „aber andererseits kontraproduktiv, da die einzelnen Stellen sich untereinander nicht koordinieren, die Leute zum Teil sogar regelrecht eifersüchtig ihre Daten der gestohlenen Pferde hüten und die Daten nicht ausgetauscht werden. So geht viel wertvolle Information verloren.“  So bietet das Internet eben nicht nur Vorteile durch seine Schnelligkeit und weite Verbreitung, sondern mit der Undurchschaubarkeit der täglich größer werdenden und ungeordneten Informationsmenge auch Nachteile.

FREUD UND LEID IM INTERNET

Ähnliches traf schon bald auch auf das „Virtuelle Reiterstübchen“ zu. „Am Anfang war die Internet-Welt noch in Ordnung,“ erinnert sich Rudi, „alle freuten sich über das neue Medium wie Kinder über ein Spielzeug, alle waren nett zueinander und niemand dachte sich etwas Böses.“ Leider änderte sich das auf der Koppel schon bald genauso wie in allen anderen Bereichen des Internets auch – immer häufiger traten nun auch weniger nette Menschen auf, die das Forum für öffentliche Hetzkampagnen und Verleumdungen nutzten, die Boxen mit ärgerlichem Nonsens-Geplapper oder – viel schlimmer – Sudeleien und sexistischen Sprüchen vollstopften und den beiden Koppel-Initiatoren beinahe den Spaß an der Sache verdarben. „Eine Zeitlang habe ich jeden Tag mehrere Stunden damit verbracht, Müll und Beleidigungen aus dem Forum zu löschen, „erinnert sich Andrea, „nur um mir anschließend auch noch in zig E-Mails vorwerfen lassen zu müssen, wir würden Zensur betreiben.“
Zur Bekämpfung des virtuellen Wildwuches gab es nur zwei Möglichkeiten – abschalten oder die Schreiber ihrer Anonymität berauben, in der sie sich unangreifbar fühlen. Andrea und Rudi entschieden sich für letzteres. Heute kann auf der „Koppel“ nur derjenige schreiben, der seine Identität den Betreibern zuvor mit Anschrift und nachprüfbarer E-Mail Adresse (anonyme Mailadressen wie hotmail.com, gmx.de oder ähnliche werden nicht akzeptiert) hinterlegt hat. Diese Daten werden natürlich streng vertraulich gehandhabt und können nur auf richterlichen Beschluss freigegeben werden, was bislang aber zum Glück noch nie vorgekommen ist. Bis jetzt reichten immer Abmahnungen an die betreffenden Schreiberlinge, zeigen sich diese uneinsichtig und halten sich nicht an die Benimmregeln, werden sie für die weitere Benutzung gesperrt. Um nicht mehr alle Beiträge selbst lesen zu müssen (was inzwischen rein unmöglich geworden ist!) hat Rudi inzwischen auch ein automatisches Alarmsystem ausgetüftelt, das alle Beiträge nach bestimmten Schlagwörtern absucht und sich bei deren Vorkommen meldet. Endlos- Themen wie „Wo gibt es noch Reiter aus dem Ruhrpott“  oder „Traber-Besitzer, wo seid ihr“ wurden aus dem Reiterstübchen in ein neues Forum namens „Koppel-Stammtische“ verlegt.  So halten sich die Wartungsarbeiten heute halbwegs in Grenzen, auch wenn sie immer noch ein gut Teil der Freizeit in Anspruch nehmen. Und warum das alles? Warum durchstreifen Andrea und Rudi nicht lieber mit ihren Camarguepferden  „Farbello du Sambuc“ und „Duranse de Liberté“ die schöne Eifellandschaft, anstatt sich vor dem Bildschirm zu ärgern? „Weil es immer wieder auch Bestätigung und positive Rückmeldung gibt,“ berichtet Andrea. „Weil immer wieder E-Mails an uns kommen, dass ein Pferd dank eines Tipps von der Koppel wieder gesund geworden ist, dass jemand endlich den passenden Sattel oder eine Urlaubsvertretung für den Pferdestall gefunden hat.“ Sogar drei Ehen hat die Koppel schon gestiftet – die Schreiber lernten sich im Forum kennen, konstatierten gleiche Wellenlängen, trafen sich und ...heirateten! Fast wie im Kinofilm „E-Mail für dich“. Solche Nachrichten machen natürlich jeden Ärger wieder wett...

AUS E-MAILS WERDEN GESICHTER

Überhaupt „menschelt“ es auf der Koppel ganz gewaltig. Unzählige Bekanntschaften und Freundschaften sind inzwischen über sie geschlossen worden, regionale Stammtische haben sich gebildet, Stallgemeinschaften und Reitbeteiligungen gefunden. Ein spontan von aktiven Schreibern angeregtes Treffen auf der Equitana 1999 stieß auf so positive Resonanz, dass Andrea und Rudi das ganz reale Kennenlernen noch weiter fördern wollten und im Sommer ´99 zum großen Koppel-Fest auf ihrem Hof mit dem klangvollen Namen „Beau Vallon“ einluden. Dieser besaß als Wanderreitstation ohnehin die notwendige  Infrastruktur zur Beherbergung von Mensch und Tier.  „Es waren wunderschöne Tage,“ erinnert sich Andrea, „für uns zwar mit einem riesigen Organisationsaufwand verbunden, aber einfach toll. Alle hatten Spaß und es war unheimlich spannend, die echten Menschen hinter den Internetbeiträgen kennenzulernen.“
So stellen sich beide auch die Zukunft das weitere Gedeihen ihrer Koppel vor: Ein großer Treff- und Knotenpunkt der Pferdewelt, an dem Gedanken, Meinungen und Informationen ausgetauscht werden, an dem gegenseitige Hilfsbereitschaft spürbar wird und an dem man einfach Spaß hat. Und letzten Endes bleiben das Wichtigste immer die Pferde, die vom per Koppel erweiterten Wissenshorizont ihrer Besitzer profitieren. So haben Andrea und Rudi der Koppel ihr Motto vorangestellt: „Gewidmet unseren vierbeinigen Freunden.“

Gisela Rau

PEGASUS 8/03